Robert Conrad

Buchrezension

 

Die Festung „Oder-Warthe-Bogen"

Günter Leibner

 

Etwa 150 Kilometer östlich von Berlin, in Höhe der polnischen Orte Skwierzyna, Miedzyrzecz

und Sulechow erstreckt sich eine eigentümliche, künstlich geformte Landschaft. Es handelt

sich um die ehemalige Festungslinie Oder-Warthe-Bogen, die mit ihren umfangreichen

Bauten heute ein einmalig aussagekräftiges architektonisches, militärhistorisches und

sozialgeschichtliches Denkmal darstellt.

Die auch als Ostwall bezeichneten Anlagen erstrecken sich oberirdisch über eine Entfernung

von 80 Kilometern und unter der Erde bis in eine Tiefe von 40 Metern, teils als unvollendete

Torsi, teils als gesprengte Ruinen, in weiten Teilen jedoch in erstaunlich gutem Zustand und

original erhaltener Substanz.

In seiner komplexen Konzeption und dem ungeheuren materiellen und technischen Aufwand

der Ausführung gehört der Oder-Warthe-Bogen zu den beeindruckendsten Bunkerbauten der

dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts sowie des Zweiten Weltkrieges und stellt nach der

berühmten Maginot-Linie Europas zweitgrößten Festungswall dar. Die später entstandenen

Anlagen des West- und des Atlantikwalls erstrecken sich zwar über weit größere Distanzen,

erreichen jedoch in ihrer geringeren baulichen Dichte und einfacheren Infrastruktur längst

nicht den Standard des Oder-Warthe-Bogens.

Diese Fortifikation stellte das Herzstück eines bereits durch die Reichswehr der Weimarer

Republik entwickelten Verteidigungssystems gegen den polnischen Nachbarn dar, das sich

über die ostpreußische Exklave, Pommern und die Neumark bis ins südliche Schlesien

hinzog. Als unüberwindbarer Schutzriegel sollte die Festungslinie einen von Osten her

gefürchteten Angriff auf die Reichshauptstadt Berlin verhindern. Nachdem in den zwanziger

Jahren Auflagen der interalliierten militärischen Kontrollkommission jeden Grenzfestungsbau

unterbunden hatten, intensivierte und realisierte das NS-Regime die Planungen unter Bruch

des Versailler Vertrages: Zwischen 1934 und 1939 wurden im Auftrag der Wehrmacht unter

Hinzuziehung von Organisation Todt, Reichsarbeitsdienst und zahlreichen zivilen Baufirmen

unter gigantischem Aufwand große Teile des Projektes verwirklicht. Die wichtigsten Bauten

entstanden im damals brandenburgischen „Sternberger Land".

Der Verlauf der Festungsfront folgte eiszeitlichen Höhenrücken, natürlichen Wasserläufen,

Wald- und Sumpfgebieten. Ein umfangreiches hydrotechnisches System ermöglichte die

Flutung ganzer Landstriche. Automatisch einfahrbare Straßenbrücken, Gleisbarrieren und

Panzersperren erlaubten eine hermetische Abriegelung des Geländes, das zugleich im

Schussfeld damals modernster Waffen lag. Die Bedienungsmannschaften von

Maschinengewehren, automatischen Granat- und Flammenwerfern sowie

Panzerabwehrkanonen waren praktisch unverwundbar hinter Stahlkuppeln und meterdickem

Stahlbeton verborgen. Das Gros der zahlreichen Panzerwerke war durch ein unterirdisches

Kleinbahnnetz erschlossen, das einen ständigen ungefährdeten Nachschub an

Mannschaften, Lebensmitteln und Munition ermöglichte. Im westlich gelegenen Hinterland

der Festungslinie wurden große Kasernenkomplexe und Barackenlager sowie Straßen und

eine eigene Eisenbahnstrecke errichtet.

Für den Fall der Einschließung der Festung durch einen Gegner wurden in dem verzweigten

bombensicheren Hohlgangsystem Unterkunftsbunker, Sanitätseinrichtungen, Munitionslager,

Nachrichtenanlagen, Kraftwerke, Kanalisation und Lüftungssystem, Werkstätten,

Kühlanlagen für Gefrierfleisch und gar elektrische Leichenverbrennungseinrichtungen

erstellt, um so eine monatelange autarke Verteidigungsbereitschaft zu gewährleisten.

Der ursprünglich defensive Charakter der Festungsanlage relativierte sich im „Dritten Reich"

schnell, sie sollte vor allem als Rückendeckung für einen erwogenen deutschen Angriffskrieg

gegen Frankreich dienen. Mit der Änderung seiner Kriegspläne ließ Hitler die Arbeiten am

Oder-Warthe-Bogen 1938 schließlich stoppen, nur einige bereits begonnene Bauten wurden

noch zu Ende geführt. Der Überfall deutscher Truppen auf Polen machte die mit

Millionenaufwand errichtete High-Tech-Festung endgültig zum Anachronismus. In der

Folgezeit wurden Bewaffnung und Gebäudetechnik demontiert, um sie im Westwall sowie

später im Atlantikwall zu nutzen.

Im weiteren Kriegsverlauf dienten die unterirdischen Erschließungsgänge und Kasematten

der ausgedienten Festung als bombengeschützte Lagerräume und Produktionsstätte der

Rüstungsindustrie, ehe die Front 1944 aus dem Osten in Richtung Berlin zurückrollte.

Inzwischen war die Wehrmacht nicht mehr in der Lage, die unvollendete Festung erneut

entsprechend der ursprünglichen Konzeption auszurüsten und zu besetzen, der Vormarsch

der Roten Armee ließ sich nicht mehr nennenswert aufhalten.

Bis zum Ende der fünfziger Jahre untersuchten nacheinander die sowjetische und die

polnische Armee die Anlagen und machten zahlreiche Sprengversuche. In den folgenden

Jahrzehnten wurden große Teile der verbliebenen Gebäudetechnik demontiert.

Seit 1980 steht der nördliche Bereich des Hohlgangsystems mit ca. 2,5 Hektar als

Fledermausreservat unter Schutz, die übrigen Teile der vergessenen Festungsanlage stehen

einer Besichtigung in Begleitung ortskundiger Fremdenführer offen.

Im Vergleich zu den bekannteren historischen Festungssystemen wie Maginot-Linie und

Atlantikwall

gibt es über den Oder-Warthe-Bogen bisher nur wenige Veröffentlichungen. Zu nennen sind

hier mehrere verdienstvolle Broschüren der Autorengruppen Robert Jurga / Anna Kedryna

und Boguslaw Perzyk / Janusz Miniewicz. Leider gibt es zu deren polnischen Texten aus den

neunziger Jahren bisher nur kurze englische und deutsche Zusammenfassungen. Eine

deutschsprachige Studie in Heftform legte 1999 Sonja Wetzig vor, und eine bemerkenswerte

digitale Dokumentation verschiedener Ostwallbauten erstellte im selben Jahr Thomas

Kemnitz, auf dessen Internetseite http://www.vimudeap.de hier verwiesen sei. Außerdem

erschienen der deutschsprachige "Katalog Festungsfront Oder-Warthe-Bogen" von Anna

Kedryna und Robert Jurga.

Das derzeit umfangreichste Werk zu Thema erschien in der ersten Auflage im Jahr 2000

unter dem Titel Die Festung ‚Oder-Warthe-Bogen’ im Verlag Ingrid Haupt, Buchholz. Der

Verfasser Günter Leibner, Jahrgang 1920, gehört im Gegensatz zu den vorgenannten

Autoren einer Generation an, welche die hier untersuchten Ereignisse noch selbst miterlebt

hat. Er stammt aus der Region zwischen Oder und Warthe, dem damaligen „Sternberger

Land" und kann als selbst betroffener Zeitzeuge berichten. Leibner arbeitete bereits als

Abiturient für das mittelständische Bauunternehmen seines Vaters, das in den dreißiger

Jahren mit der Ausführung einiger der Festungsbauten des Ostwalls beauftragt worden war.

Als Bauingenieur macht sich der Autor in besonderer Weise um eine gründliche Darstellung

der technischen Entstehung der Anlage verdient. Seine gründliche Recherche umfaßt dabei

zeitgenössisches Katalogmaterial zur damals verwendeten Bautechnik ebenso wie

Aussagen zur Zusammensetzung des Betons. Von Interesse ist auch eine Auflistung der

beschäftigten Firmen, zu denen die bekannten Sager + Woerner und Dyckerhof & Widmann

gehörten. Untersuchungen zu Planung, Finanzierung und tatsächlicher Nutzung der Anlage

runden die Darstellung ab.

Illustrierende historische Planzeichnungen werden sehr gut durch die komplexen, sehr

anschaulichen Axionometrien des polnischen Architekten Robert Jurga ergänzt. Dieser hat

sich bereits durch beeindruckend akribische Architekturdarstellungen in der neueren

internationalen Festungsliteratur einen Namen gemacht. Einige der Aufmasspläne zur

Anlage stammen von dem polnischen Bauhistoriker Janusz Miniewicz.

Diese Zusammenarbeit lässt das Buch zu einem deutsch-polnisches Gemeinschaftsprojekt

werden. Angesichts des Untersuchungsgegenstandes, der alten, paranoid befestigten

Grenze zwischen beiden Ländern, ergibt sich hier eine erfreuliche Symbolik.

Neben dieser umfangreichen und detaillierten Aufarbeitung des vielfach bisher

unveröffentlichten Materials zur Architektur- und Technikgeschichte der Festung gibt das

Buch auch Einblick in die Sozialgeschichte. In Ergänzung zu den Abbildungen von

Arbeiterunterkünften und den repräsentativen Kasernenbauten wären hier vielleicht noch

mehr eigene Erinnerungen des Autoren als Zeitzeugen wünschenswert gewesen: Woher

stammten die Bauarbeiter und die Soldaten, wie waren ihre Lebensbedingungen, wie war die

vorherrschende Einstellung zu dem gewaltigen Bauprojekt?

Der Band enthält eine mit zahlreichen Karten illustrierte exakte Chronologie der Ereignisse

von Verteidigung und Erstürmung der geschwächten Festung im Winter 1944/1945. Dabei

zeigt der Autor die Abläufe unter anderem sowohl aus der Perspektive des deutschen

„Wehrmachtsberichtes", als auch aus Sicht sowjetischer Erinnerungsliteratur. In anderen

Kapiteln schildert der Autor Details zur Rolle des Ostwalls im zeitgenössischen

Propagandafilm und als inszenierte Abschreckungslegende in der NS-Außenpolitik. Er

beleuchtet detailliert die provisorische Rüstungsproduktion in den unterirdischen Anlagen

und die bisher wenig bekannte Einlagerung von heute verschollenen Museums- und

Archivbeständen sowie von Filmkopien der Babelsberger UFA zum Schutz vor

Bombenangriffen.

Das Buch versammelt etliche bisher unbekannte zeitgenössische Fotos sowohl zur

Entstehung, Unterhaltung und Tarnung der eigentlichen Festungsanlagen als auch der

dazugehörigen rückwärtigen Kasernenanlagen. Die Qualität der Abbildungen ist sehr

unterschiedlich, was der Herkunft aus verschiedenen Quellen, zum Teil bisher

unerschlossener privater Fotosammlungen geschuldet ist.

Als Hauptschwäche der Publikation ist die wenig übersichtliche Quellendarlegung

anzumerken, eine der besonderen Stärken dagegen stellt der umfassende kommentierte

Kartenanhang zum gesamten Festungsbereich dar, beruhend auf der Grundlage von

historischen Messtischblättern im Maßstab 1 : 25 000. Ergänzt wird er durch eine nützliche

Konkordanz der deutschen und polnischen Ortsnamen.

Die Veröffentlichung wird dem Anspruch gerecht, die Geschichte des Ostwalls in die

größeren historischen Zusammenhänge einzubetten. Die Auswirkungen des Versailler

Vertrages, die deutsch-polnische Grenzkonflikte der Weimarer Zeit, die Aggressionspolitik

der NS-Diktatur sowie Weltkrieg und neue Grenzfestlegungen als ihre Folge werden in

mehreren Kapiteln eingehend beleuchtet, wenn auch zuweilen sprachlich etwas spröde.

Günter Leibner beschreibt die Entwicklungen kenntnisreich aus der Warte eines nach

Kriegsende aus seiner ursprünglichen Heimat Vertriebenen, dem dieser Verlust nie leicht fiel.

Daher ist es von besonderer symbolischer Bedeutung, dass er seine Publikation in

Zusammenarbeit mit einem polnischen Kollegen realisiert hat. Die beiden Baufachleute

Günter Leibner und Robert Jurga legen mit diesem Werk zur Architektur- und

Technikgeschiche eines besonders beeindruckenden wie düsteren Bauwerks der deutschpolnischen

Geschichte ein Zeichen der guten Nachbarschaft, aber auch ein

empfehlenswertes Sachbuch vor.

Verlag Ingrid Haupt, Buchholz, 2. Auflage 2003

ISBN 3-00-00-5988-1

Festeinband, Format 30,1 x 20,6 cm, 220 Seiten, s/w-Abb., Preis: € 30,-