Die Festungsfront 

 

 

Zu den ersten Anlagen, die zwischen April 1934 und März 1935 gebaut wurden, gehörten 14 so genannte „Hindenburgstände“. Diese kleinen Bunker bestanden aus Ziegelmauerwerk und Eisenbeton. Zur Bewaffnung gehörte je ein Maschinengewehr sowie je eine Panzerabwehrkanone (Pak), welche im Bunker nur untergestellt war. Im Verteidigungsfall musste deshalb die Pak in eine offener Feldstellung seitlich des Bunkers gezogen werden.

Der Festungsausbau wurde durch die III. Inspektion für Befestigungen mit Sitz in Küsterin geleitet. Die Arbeiten im Gelände wurden durch zwei Festungs-Pionier-Stäbe in Sternberg und Zielenzig geführt. Die Leitung dieser Stäbe beschäftigte Baufachfirmen und Arbeitsgruppen des RAD (Reichsarbeitsdienst). Die Intensivierung der Arbeiten auf dem Gebiet der Oder-Warthe-Festungsfront war in dieser Zeit verbunden mit der Genehmigung Hitlers für den Ausbau dieses Abschnittes als Kern der deutschen Befestigung im Osten. Adolf  Hitlers persönliches Interesse am Fortschritt der Arbeiten wurde durch seinen Besuch am 30.10.1935 unterstrichen. Nach einer sechsstündigen Inspektion erklärte er, zu seinem Entschluss über die weitere Entwicklung der Befestigungen gefragt, kurz: „Ich bin mit der Form des befestigten Gebietes und mit den Befestigungen einverstanden.“.

Den Zeitraum für den Ausbau bestimmte Hitler eine Woche nach seiner Rückkehr von der Festungsfront „Oder-Warthe-Bogen“. Sie sollte ursprünglich 15 Jahre betragen. Die Frontanlage sollte 110 Kilometer lang bei einer Tiefe von drei Kilometern sein. Die Stärke sollte zwei Infanteriedivisionen von ca. 35.000 Mann betragen, wovon ein Drittel als ständige Besatzung vorgesehen war. Die Baukosten wurden mit 600 Millionen Reichsmark veranschlagt (andere Quellen sprechen von 800 Millionen RM). Später verkürzte man die Bauzeit auf zehn Jahre, im Jahr darauf auf sechs Jahre und schließlich auf vier Jahre.

Die Konzeption der Festungsfront sollte zu einem solchen starken Ausbau führen , dass sie einem gegnerischen Angriff mit den stärksten Mitteln auf unbegrenzte Zeit widerstehen konnte. Dazu sollten die speziellen Festungstruppen mit den modernsten technischen Mitteln ausgestattet werden wie z.B. dem ersten Maschinengranatwerfer (M19) der Welt. Der Ausbau der Verteidigungsanlagen wurde unterschieden in: Festungsmäßigen und Stellungsmäßigen Ausbau.

Dazu gehörten Einzelwerke, Werkgruppen, Panzerbatterien und dergleichen. Zum Einbau vorgesehen waren, Panzertürme für Maschinengewehre mit zwei, drei oder sechs Scharten, solche für den schon erwähnten 5cm Maschinengranatwerfer M19, für den Festungsflammenwerfer mit 75m Reichweite und für 10cm Turmhaubitzen, Panzerkasematten und Drehtürme für 3,7cm- und 5cm Panzerabwehrkanonen und andere Geschütze. Des weiteren gab es eine Vielzahl von Beobachtungskuppeln, Schartenplatten und anderen Festungsbauelementen.

 

 

 

Pz.W.717 "Werkgruppe Scharnhorst"

 

Bereits in der "Verbotszeit" begann man, in der für den A- Fall vorgesehenen Nischlitz- Obra- Linie (zwischen Großem Nischlitzsee bis zum Flusslauf der Obra und entlang deren Flusslaufs bis zur Einmündung in die Warthe bei Schwerin) einzelne Schartenstände in der Ausbaustufe C (60 cm) zu errichten. 1934 begannen im Südabschnitt bis hin zur Oder Erkundungen um die Armierungszone durch weitere Bauwerke stärkerer Bauart zu verstärken und die natürlichen Wasserhindernisse durch künstliche zu ergänzen.
Bis 1937 wurden im Zuge dieser Ausbaumaßnahmen 33 Grabenabschnitte, 9 Stauanlagen und ein Ablasswerk errichtet. Durch diese Maßnahmen entstand im südlichen Bereich bis zur Oder ein 18 km langer Bereich mit Wasserhindernissen, dessen Hauptwasserreservoir der Große Nischlitzsee darstellte. Der Wasserzufluss wurde durch ein Ablasswerk, das Wasserschloss 602, am Südabfluss des Sees (Ausbaustärke A) geregelt.
In diese Stauräume wurden auch Wasserhindernisse integriert um ein Übersetzten mit Booten zu verhindern.
In den Jahren 35 - 36 wurden auch die meisten Dreh- und Kipprollbrücken im FFOWB errichtet. Zeugnis von den Baujahren geben Wandinschriften in den Maschinenräumen dieser Brückenbauten.

Wenn die Befestigung des Oder- Warthe- Bogens aber einen wirksamen Sperr-Riegel vor Berlin darstellen sollte, war dieser eher stellungsmäßige Ausbau mit Wasserhindernissen völlig unzureichend. Bereits 1933 entstand die Konzeption eines in die Tiefe gestaffelten Festungs-Kampffeldes. 

Am 15. Oktober 1935 wurde diese Konzeption von dem damaligen Oberbefehlshaber des Heeres Generaloberst v. Fritsch im Beisein des Inspekteurs der Pioniere und Festungen O.W. Förster, Hitler vor Ort vorgetragen und von diesem genehmigt. Diese Zustimmung führte zum Ausbau des stärksten deutschen Befestigungssystems.
Im Sommer 1936 begannen dann die Aktivitäten zum Ausbau der Festungsfront Oder- Warthe- Bogen in einer Gesamtlänge von ca. 90 km. (Ab diesem Zeitpunkt ist eigentlich erst von der FFOWB zu sprechen.)

Schwerpunkt der FFOWB sollte, aufgrund des hier befindlichen Höhengeländes und den damit günstigen Voraussetzungen für Schussfelder und Artilleriebeobachtung, aber auch völliges Fehlen natürlicher Panzerhindernisse, ein ca. 15 km breiter Abschnitt (Zentralabschnitt) ostwärts Hochwalde (Wysoka) werden. Hier sollten 1/3 der geplanten Kampfanlagen errichtet werden, von denen ein großer Teil (51 Panzerwerke und 4 PzBatterien von 111 projektierten Werken) durch ein umfangreiches Hohlgangsystem verbunden werden sollte.
Im einzelnen waren hier vorgesehen: 15 A- Werke, 13 A1 "Schweige"- Werke, 79 B- Werke und 4 Panzerbatterien in A. In Nord- und Südabschnitt sollten die restlichen 2/3 der geplanten Panzerwerke errichtet werden, so dass insgesamt ca. 330 Anlagen geplant waren. Die Bauwerke der Nischlitz- Obra- Linie wurden dabei in die FFOWB integriert.

Tatsächlich wurde der Vollausbau nie erreicht. Fertiggestellt wurden insgesamt 83 B- Werke und 14 sogenannte "Hindenburgstände" (MG- Schartenstand mit Pak- Unterstellraum in C), von denen 21 B- Werke, im Zentralabschnitt, an das ca. 35 km lange Hohlgangsystem angeschlossen wurden. Begonnen, jedoch unvollendet blieben 1 PzBatt. in A (Pzbatt. 5) und 1 PzWerk in A (PzW A8).
Eine gewisse Tiefe, so dass man von einem "Festungskampffeld" sprechen könnte, wurde lediglich im Abschnitt Hochwalde mit den PzWerken 773, 775 und 778 erreicht. Ansonsten ist die Festungsfront Oder- Warthe- Bogen, wie diese Bezeichnung treffend ausdrückt, eine "Festungsfront", also eine lineare Befestigung ohne Tiefe, geblieben.

Das abrupte Ende der Baumaßnahmen an der FFOWB kam am 4. Juli 1938. Nachdem Hitler im Mai 1938 den Fortgang der Bauarbeiten am OWB kontrolliert hatte und bereits dort vor Ort ein vernichtendes Urteil über die Form und den Wert dieser dort errichteten Anlagen gefällt hatte ("wertlose Mausefallen ohne Feuerkraft mit ein oder zwei kümmerlichen MG- Türmen" oder "Festungen, die nur der Konservierung von Nichtkämpfern dienen") folgte am 1. Juli 1938 seine denkwürdige "Denkschrift zur Frage unserer Festungsanlagen" und damit verbunden, der sofortige Baustop des Ausbaus an der FFOWB am 4. Juli 1938. In dieser Denkschrift erklärt Hitler seine neuen Überlegungen über die Ausbildung von Befestigungen. Mitgetragen hat seinen Entschluss zum sofortigen Baustop sicherlich auch die Entscheidung der Errichtung einer Befestigung im Westen (Westwall), die er zu diesem Zeitpunkt als wesentlich wichtiger erachtete und das Wissen, dass es mit den vorhandenen Kapazitäten nur möglich war den Bau eines einzigen solch großen Befestigungssystems durchzuführen.
In den nun folgenden Jahren wurden die Einrichtungen der FFOWB systematisch ausgeschlachtet und in Westwall und später auch im Atlantikwall eingebaut.
Als sich dann 1944 die Front den deutschen Reichsgrenzen immer mehr näherte, wurde die Rearmierung der Anlagen befohlen. Allerdings standen nun weder ausreichend Techniker noch Ausrüstung, geschweige denn die  benötigten Truppen, die für die speziellen Aufgaben in den Panzerwerken und Festungskampf ausgebildet waren, zur Verfügung. Viele der Anstauanlagen und Brücken waren außerdem nicht mehr funktionsfähig.
Deshalb kam es wie es kommen musste, die FFOWB wurde am 29.1.1945 zwischen 20:00 und 22:00 Uhr in ihrem stärksten Abschnitt zwischen Kalau und Hochwalde ohne nennenswerten Widerstand, von der 44. sowjetischen Garde- Panzerbrigade, durchstoßen. Dabei profitierten die Soldaten, Angehörige der 1. weißrussischen Front unter General Shukow noch davon, dass die dort befindliche Straßensperre nicht geschlossen war.
Damit hatte auch die stärkste deutsche Befestigungslinie sich nicht im Abwehrkampf bewähren können und die russische Armee hatte eines der letzten ernst zu nehmenden Hindernisse vor Berlin hinter sich gebracht.